16 Mythen über Trennungsangst beim Hund – Teil 2 von 3.

Im Hundetraining gibt es fortlaufend neue Erkenntnisse, die zu Anpassungen und Veränderungen im Training führen können. So auch im Training gegen Trennungsangst. Letzte Woche haben wir uns die ersten sechs der insgesamt 16 Mythen über Trennungsangst beim Hund angeschaut. Heute stelle ich dir in Teil 2 weitere fünf Mythen über Trennungsangst beim Hund vor, die zur Zeit noch im Netz kursieren. Also los!

7. Dein Hund hat nur eine schlechte Phase und kann deshalb nicht alleine bleiben. Diese Phase geht vorüber. Trennungsangst Hund

Ja, Hunde haben auch verschiedene Phasen. Es gibt sensiblere Phasen als andere, in denen die Hunde ebenfalls empfindlicher auf externe Reize reagieren können. Trennungsangst beim Hund gehört jedoch nicht in eine bestimmte Phase. Und Trennungsangst beim Hund ist auch keine Phase, die vorüber geht. Es kann jeden Hund treffen – egal wie alt, welche Rasse und welche Herkunft. Trennungsangst ist eine Angststörung des Hundes, die unbedingt behandelt werden muss und nicht von alleine weggeht.

Die Ursache der Trennungsangst kann in einer bestimmten Situation liegen (muss aber nicht!).

Dazu gehören negative Erfahrungen und manchmal auch einfach angsteinflößende Geräusche, die deinen Hund während deiner Abwesenheit so in Angst versetzt haben, dass er es generell mit dem alleine bleiben assoziiert. Doch auch wenn die Ursache in einem spezifischen Ereignis liegen kann, so geht die Trennungsangst nicht einfach durch das Ignorieren dieses Problems weg. Ehrlich gesagt ist die Wahrscheinlichkeit sogar sehr groß, dass das Problem damit noch größer wird. Nur mit einem systematischen Training kannst du deinem Hund (wieder) beibringen, dass das alleine bleiben doch eigentlich etwas ganz entspanntes ist. Dazu einmal ein Beispiel von uns Menschen:

Du kennst sicher jemanden in deiner Umgebung, der an Höhenangst leidet.

Vielleicht leidest du sogar selbst daran. Stelle dir einmal vor, jemand sagt zu einer höhenängstlichen Person: „Hey, das ist nur eine Phase. Da kommst du schon raus, ignoriere das einfach.“ Jeder der eine Phobie vor etwas hat, weiß, dass das leider nicht funktioniert. Man wird nicht einfach am nächsten morgen wach und hat keine Höhenangst mehr. Das muss man gezielt angehen und sich von niedrigen Höhen zu größeren Höhen hinarbeiten. Und genauso funktioniert es auch mit der Trennungsangst deines Hundes. Ihr müsst euch Schritt für Schritt voran arbeiten – dann werdet ihr auch Erfolg mit dem Training haben.

8. Dein Hund hat Trennungsangst, weil er bei dir im Bett schlafen darf.Hund im Bett

Diesen Hinweis bekommt man leider recht häufig, wenn der eigene Hund nicht alleine bleiben kann. Der Hintergrund dazu ist der Gedanke, dass ein Hund der im Bett schläft, eine zu starke Bindung zu dir aufbaut. Daraus entwickelt sich dann angeblich Trennungsangst. Es gibt eine sehr interessante Studie dazu, die unter anderem festgestellt hat, dass die Trennungsangst deines Hundes nicht signifikant damit zusammenhängt, ob dein Hund bei dir im Bett schlafen darf. Das heißt, es ist im Grunde ganz egal, ob dein Hund bei dir im Bett schläft. Trennungsangst kommt dadurch nicht zustande und es verschlimmert eine bestehende Trennungsangst auch nicht. Jedoch verbessert sich die Trennungsangst deines Hundes dadurch auch nicht.

Deshalb könntest du darüber nachdenken, deinen Hund trotzdem in einem anderen Zimmer schlafen zu lassen. 

Warum mache ich dir diesen Vorschlag? Du zeigst deinem Hund, dass räumliche Trennung grundsätzlich etwas ganz natürliches ist. So natürlich, dass ihr es sogar im Schlaf macht. Du musst deinen Hund auch nicht von heute auf morgen in ein anderes Zimmer verfrachten, sondern könntest dies Schritt für Schritt aufbauen. Wenn du deinen Hund jedoch weiterhin in deinem Bett schlafen lassen möchtest, ist das natürlich auch in Ordnung und du kannst es besten Gewissens weiterhin tun.

Punkt 9 der 16 Mythen über Trennungsangst beim Hund: Gib deinem Hund Leckerchen, z.B. einen gefüllten Kong. Das hilft gegen Trennungsangst.

Diesen Tipp findet man gefühlt überall im Internet. Der Gedanke dahinter: Wenn dein Hund ein besonderes Leckerchen während deiner Abwesenheit bekommt, ist er zum einen beschäftigt und zum anderen könnte er deine Abwesenheit mit etwas positivem assoziieren. Grundsätzlich ist das keine schlechte Idee, wenn man zum Beispiel einem Welpen das alleine bleiben beibringt. Hat dein Hund jedoch schon Trennungsangst entwickelt, empfehle ich dir erst einmal ohne Futter zu arbeiten. Ich habe diesem Thema einen extra Blogartikel gewidmet – „Weshalb du vorerst (!) auf Futter im Trennungsangst-Training verzichten solltest.„. Ich möchte dir hier aber auch noch kurz die Hintergründe erklären.

Wieso solltest du also vorerst auf Futter im Training gegen Trennungsangst verzichten?

Viele Hundebesitzer (inkl. mir) haben bei ihrem Hund mit Trennungsangst folgende Erfahrung gemacht: Zuerst wird das Leckerchen (z.B. ein Kong) gut angenommen. Spätestens wenn das Leckerchen dann aber aufgefressen ist, geht die Panik des Hundes richtig los. Meistens sogar viel stärker, als wenn man ohne Leckerchen trainiert hätte. Die Hintergründe zu diesem Verhalten sind noch nicht vollständig erforscht. Eine Vermutung ist, dass der Hund dein Verlassen gar nicht so richtig mitbekommt, wenn er Futter zur Ablenkung bekommt. Deshalb empfehle ich dir: Trainiere erst einmal ohne Leckerchen. Sobald dein Hund 15 Minuten sicher alleine bleiben kann, kannst du Futter gerne wieder in das Training integrieren.

10. Wenn dein Hund wirklich an Trennungsangst leidet, wird er während deiner Abwesenheit nicht fressen.Hund mit Futter

Dieser Punkt kann stimmen, muss aber nicht. Wir kennen es selbst ja auch, wenn uns zum Beispiel ein stressiges Ereignis bevorsteht (z.B. eine Prüfung). Einige von uns futtern dann wie Scheunendrescher und kompensieren ihren Stress damit, andere können gar nichts essen. So ist es bei Hunden auch. Einige Hunde rühren ihr Futter nicht an, wenn sie alleine sind und an Trennungsangst leiden. Andere hingegen schlingen es in sich rein, was jedoch auch den entspannenden Effekt verfehlt. Es ist in dem Moment eher ein Ventil, um die Panik rauszulassen. Wenn dein Hund also trotz deiner Abwesenheit frisst, ziehe bitte nicht automatisch den Schluss, dass er nicht an Trennungsangst leidet. Achte stattdessen auf andere Symptome, wie z.B. generelle Unruhe, Jaulen und Bellen, Zerstören und andere Stress-Reaktionen. Kommen wir damit zum nächsten Punkt der 16 Mythen über Trennungsangst beim Hund:

Punkt 11 der 16 Mythen über Trennungsangst beim Hund: Ein Zweithund wird das Problem lösen.

Ich weiß es noch ganz genau. Wir waren gerade mal wieder dabei, mit Seven das alleine bleiben zu üben, als unsere Nachbarn (ebenfalls Hundebesitzer) uns den Vorschlag machten: „Holt euch doch einen Zweithund, wenn Seven nicht so gut alleine bleiben kann“. Dies kam für uns damals aus anderen Gründen nicht in Frage, wir fanden diese Idee aber trotzdem nachvollziehbar und logisch. Wenn dein Hund nicht alleine bleiben kann, liegt es doch nahe, einen Zweithund zu holen, denn dann muss er ja niemals wieder alleine sein. Oder etwa nicht?

Tja, ganz so einfach ist es leider doch nicht. 

Schauen wir uns einmal an, welche Konsequenzen entstehen könnten, wenn ein Zweithund bei euch einzieht.

  1. Es passiert genau das, was du dir wünscht – durch den Zweithund löst sich die Trennungsangst deines ersten Hundes im Nichts auf.
  2. Es verändert sich gar nichts – der Zweithund hat keine Trennungsangst, dein erster Hund hat jedoch weiterhin Trennungsangst, weil sich diese auf die bezieht.
  3. Dein Zweithund reagiert empfindlich auf externe Geräusche und bellt kurz, wenn ein Auto vorbeifährt, was die Trennungsangst deines ersten Hundes verschlimmer könnte.
  4. Dein Zweithund entwickelt ebenfalls Trennungsangst (z.B. weil er durch die Trennungsangst deines ersten Hundes lernt, dass das alleine bleiben etwas dramatisches ist). Das wäre das Worst-Case-Szenario, denn dann hättest du zwei Hunde mit Trennungsangst.

Welches dieser Szenarien eintritt, kann dir vorher keiner sagen. Deshalb beziehe bitte alle der genannten Faktoren in deine Überlegungen mit ein. Vielleicht hast du auch die Möglichkeit, zu testen, wie sich dein Hund verhält, wenn er mit einem zweiten Hund alleine ist. Die Trennungsangst deines Hundes sollte sich spätestens nach zwei Wochen verbessern, wenn ein zweiter Hund mit ihm zusammen ist. Ansonsten kannst du davon ausgehen, dass euch ein Zweithund nicht helfen wird in Bezug auf die Trennungsangst.

Das waren die Mythen über Trennungsangst beim Hund für diese Woche. Nächste Woche geht es weiter mit den letzten fünf der insgesamt 16 Mythen.

Wenn dein Hund nicht alleine bleiben kann, habe ich eine gute Nachricht für dich!

Ich habe ein kostenfreies Minitraining für dich aufgenommen, in dem ich dir 3 Tipps zur Sofortumsetzung an die Hand gebe.

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