16 Mythen über Trennungsangst beim Hund – Teil 1 von 3.

Im Hundetraining gibt es fortlaufend neue Erkenntnisse, die zu Anpassungen und Veränderungen im Training führen können. So auch im Training gegen Trennungsangst. Heute stelle ich dir die ersten sechs der insgesamt 16 Mythen über Trennungsangst beim Hund vor, die zur Zeit noch im Netz kursieren. Los geht´s!

1. Wenn dein Hund nicht alleine bleiben kann, MUSST du ihn an eine Box gewöhnen. Welpen in einer Box

Um es einmal vorweg zu nehmen: Das Training mit einer Box ist grundsätzlich eine sehr gute Möglichkeit, seinen Welpen oder auch älteren Hund an einen festen Schlaf- und Ruheplatz zu gewöhnen. Dies führt häufig dazu, dass der Hund sich diesen Platz von alleine aufsucht, wenn er Ruhe haben möchte. Darüber hinaus lassen viele Hundeeltern ihre Hunde auch in der Box, wenn sie kurz weg müssen. Der Hund fühlt sich optimalerweise sicher in der Box und gerade im jungen Alter gibt die Box zusätzlich Geborgenheit.

Voraussetzung ist jedoch, dass du deinen Hund langsam und mit positiver Verstärkung an eine Box gewöhnt hast.

Wenn dein Hund Trennungsangst entwickelt hat, ist das Boxentraining individuell zu betrachten. Eine Box stellt hierbei keinen Garant dar, dass das Training besser funktioniert und kann sogar zur Panik beitragen. Es ist sehr abhängig davon, wie wohl dein Hund sich in der Box fühlt. Es gibt Hunde, die kommen wie eben beschrieben super mit einer Box zurecht (auch welche mit Trennungsangst). In diesen Fällen ist es sinnvoll, eine Box im Training zu verwenden. Bei anderen Hunden steigt durch den beengten Raum die Panik jedoch ins Unermessliche, sodass sie Gefahr laufen, sich zu verletzen. In diesen Fällen ist von einer Box abzuraten. Beobachte deinen Hund am besten, wie er sich in der Box verhält und ob er gerne in die Box geht oder sie nach Möglichkeit vermeidet.

Was du alternativ tun kannst, wenn eine Box für deinen Hund nicht in Frage kommt.

Dein Hund gehört zu den Hunden, die mit der Box nicht gut zurechtkommen? Du möchtest deinen Hund aber trotzdem ungern im ganzen Haus frei rumlaufen lassen, wenn du mit ihm das alleine bleiben trainierst? Dann empfehle ich dir, einen Bereich abzutrennen, in dem der Hund sich während deiner Abwesenheit aufhält. Das könnte beispielsweise die Küche sein (kleiner Tipp: Hunde lieben Kühlschränke). Generell macht es Sinn, dem Hund nicht die komplette Fläche zur Verfügung zu stellen, da Hunde dadurch leicht überfordert sein könnten, was wiederum die Trennungsangst verstärken könnte. Aber auch hier gilt: jeder Hund ist individuell. Beobachte deinen Hund und entscheide, was für ihn am besten funktioniert.

2. Welpen können keine Trennungsangst entwickeln.

Zu diesem Punkt der 16 Mythen über Trennungsangst beim Hund kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Das ist falsch. Seven kam mit 16 Wochen als Welpe/Junghund zu uns und sie hatte starke Trennungsangst, die wir nach sechsmonatigen, intensivem Training in den Griff bekamen. Lange Zeit ging man davon aus, dass Welpen keine Trennungsangst entwickeln können und bellen, weil sie einfach nicht daran gewöhnt sind, alleine zu sein oder Aufmerksamkeit wollen. Mittlerweile gibt es sogar Forschungen, die untersuchen, ob eine genetische Prädisposition für Trennungsangst sorgen könnte. Dies würde bedeuten, dass einige Hunde eine genetische Veranlagung aufweisen, eher Trennungsangst zu entwickeln als andere Hunde. Vergleichbar wäre dies beispielsweise mit Depressionen bei Menschen, bei denen die Genetik ebenfalls eine Rolle spielen kann. Darüber können besonders Hunde aus ausländischen Sheltern bereits als Welpe schlechte Erfahrungen gemacht haben. Schlechte Erfahrungen in sensiblen Entwicklungsphasen des Welpen sind noch prägender als ohnehin schon und können sich negativ auf das alleine bleiben auswirken.

Das heißt jedoch nicht, dass jeder Welpe, der Probleme mit dem alleine bleiben hat, an Trennungsangst leidet.

Das Alleine bleiben ist und bleibt für Hunde ein unnormales Verhalten. Der Hund ist ein hoch soziales Lebewesen, für den es unnatürlich ist, alleine zu sein. Gerade Welpen müssen erst einmal lernen, dass ihr Mensch zurückkommt und dass das alleine bleiben keine Gefahr darstellt. Dies kann bei dem einen Welpen schneller gehen und bei dem anderen länger dauern. Solltest du jedoch feststellen, dass dein Welpe nach einigen Wochen KEINEN Fortschritt macht, solltest du das Thema Trennungsangst in Erwägung ziehen. Hole dir dafür als erstes am besten mein kostenfreies Minitraining, in dem ich dir 3 wichtige Schritte an die Hand gebe.

Punkt 3 der 16 Mythen über Trennungsangst beim Hund: Du musst deinen Hund 10 Minuten bevor du gehst und nachdem du wiederkommst ignorieren.

Diesen Tipp findet man gefühlt überall im Internet. Der Gedanke dahinter: Wenn du deinen Hund ignorierst, wird er denken, dass das alleine bleiben etwas ganz Selbstverständliches ist. Der Gedanke ist tatsächlich nicht schlecht. Der Hund soll mit deiner Abwesenheit keine große Aufregung assoziieren. Aber wenn du jetzt auf einmal anfängst, deinen Hund 10 Minuten bevor du gehst zu ignorieren, wird dein Hund diese Veränderung in deinem Verhalten auch feststellen. Und über kurz oder lang ist es dann auch ein weiterer Hinweisreiz für: Achtung – mein Mensch verlässt gleich die Wohnung. Im Grunde geht es doch auch nur darum, deinen Hund zu zeigen: „Hey, ich gehe jetzt, aber das ist gar nichts schlimmes. Du bist nicht in Gefahr.“

Wie machst du das am besten?

Ganz einfach: Verabschiede dich wie von einem Menschen. Mal ganz ehrlich – von beispielsweise deinem Partner verabschiedest du dich ja höchstwahrscheinlich auch nicht so: „Hey Schatz, ich gehe jetzt. Ich werde dich super doll vermissen. Sei bitte artig, wenn ich weg bin. Oh mensch, ich vermisse dich jetzt schon. Wir sehen uns hoffentlich bald wieder“. Da tut es meistens auch eine kürzere Verabschiedung 😉 Deshalb reicht bei deinem Hund auch kein kurzes „bis gleich“ und wenn du wiederkommst „da bin ich wieder“. Und mal ehrlich: wer ignoriert von uns den Hund schon gerne? Mit einer kurzen natürlichen Verabschiedung und Begrüßung hast du einen super Mittelweg. Du musst deinen Hund nicht ignorieren, verabschiedest dich aber auch nicht exzessiv.

4. Dein Hund zerstört deine Einrichtung, weil er sauer auf dich ist.

Kurz und knackig – nein, das tut er nicht. Warum nicht? Hunde haben keine Rachegedanken. Hunde denken in gut und schlecht – Sicherheit und Gefahr. Wenn dein Hund also an Trennungsangst leidet und deHund zerstört Einrichtungine Möbel zerstört, dann tut er es, weil er sich in Gefahr fühlt. Dies führt zu Panik und ein Ventil der Panik ist z.B. Bellen oder auch das Zerstören der Einrichtung. Im Grunde zeigt dies nur, wie stark dein Hund leidet, wenn er alleine ist. Deshalb solltest du deinen Hund auch niemals bestrafen, wenn er etwas zerstört hat. Das gleiche gilt übrigens auch für das Bellen. Der Hund bellt nicht, weil er empört, sauer oder beleidigt ist. Er bellt, weil er Angst hat. Und ganz besonders schlimm betroffen sind die Hunde, die Kot oder Urin in der Wohnung verteilen. Auch dies passiert nicht aus Trotz. Wenn du nachhause kommst und entdeckst die Hinterlassenschaften deines Hundes, die im schlimmsten Fall noch in der Wohnung verteilt sind, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass dein Hund sehr starke Panik hatte. So stark, dass er womöglich selbst noch durch seine Hinterlassenschaften gelaufen ist. Kommen wir damit zum nächsten Punkt der 16 Mythen über Trennungsangst beim Hund:

Punkt 5 der 16 Mythen über Trennungsangst beim Hund: Dein Hund fühlt sich schuldig, wenn du nachhause kommst.

Wer hat es nicht schon mal gedacht: Der Hund hat zum Beispiel mal wieder etwas zerstört und sitzt jetzt mit absolut schuldigem Blick im Körbchen und schaut dich kaum noch an? Na klar, weiß er, was er getan hat und jetzt schämt er sich dafür! Das stimmt so nur nicht. Hunde unterscheiden wie gesagt zwischen gut für mich – böse für mich. Gefahr – keine Gefahr. Hunde haben jedoch keine Schuldgefühle – auch wenn es manchmal so aussieht (und glaube mir – ich kann es manchmal auch kaum glauben. Wenn Seven zum Beispiel einfach in die Küche geht, obwohl sie weiß, sie darf da nicht rein und sich ein Leckerchen klaut, dann könnte ich schwören, dass sie sich danach schuldig fühlt).

Warum sieht dein Hund also schuldig aus?

Keiner hört es gerne – aber sehr wahrscheinlich bezieht sich dieser Blick auf dein Verhalten. Vielleicht hast du deinen Hund schon mal dafür ausgeschimpft oder deine Körpersprache verändert sich dahingehend, dass dein Hund weiß: Mein Mensch ist jetzt gar nicht gut drauf. Hunde sind sehr sensibel im Empfangen von Stimmungen und reagieren darauf. Das heißt: Wahrscheinlich ist der Blick deines Hundes die Reaktion auf dein Verhalten bzw. deine Stimmung. Hier möchte ich auch nochmal betonen: Bitte bestrafe deinen Hund nicht. Schlimmstenfalls verschlimmert das die Trennungsangst, weil dein Hund eine falsche Verknüpfung herstellt. Die Verknüpfung wäre dann nicht: ich habe etwas zerstört – ich werde bestraft, sondern: mein Mensch kommt nachhause, nachdem er weg war – ich werde bestraft – alleine sein ist etwas ganz schlimmes.

6. Wenn dein Hund deine Einrichtung zerstört, MUSS es Trennungsangst sein.

Nun könntest du nach den letzten Punkten denken: oh mein Hund hat auch schon mal einen Schuh zerkaut – der muss an Trennungsangst leiden. Es stimmt, dass das Zerstören der Einrichtung (inkl. Kleidungsstücken) zu den top Hinweisreizen auf eine bestehende Trennungsangst beim Hund gehört. Allerdings kann ein Hund auch etwas zerstören, ohne an Trennungsangst zu leiden. Ein Beispiel wären Welpen und Junghunde. Diese kennen ihre Grenzen vielleicht noch gar nicht so genau oder testen diese auch gerne einmal aus. Dafür muss keine Trennungsangst vorliegen. Ein anderes Beispiel ist ein unausgelasteter Hund, dem einfach langweilig ist. Da kann ein Schuh auch eine nette Beschäftigung darstellen.

Du erkennst schon: es gibt viele Mythen zum Thema Trennungsangst beim Hund. Und viele Dinge müssen von mehreren Ansätzen betrachtet werden. Nächste Woche geht es weiter mit dem zweiten Teil mit fünf weiteren der 16 Mythen über Trennungsangst beim Hund.

Wenn dein Hund nicht alleine bleiben kann, habe ich eine gute Nachricht für dich!

Ich habe ein kostenfreies Minitraining für dich aufgenommen, in dem ich dir 3 Tipps zur Sofortumsetzung an die Hand gebe.

Deine Larissa

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